07. SEPTEMBER – 01. OKTOBER
Stadtarchiv Wiesbaden

„Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt.“

Eine Ausstellung über die griechische Arbeitsmigration in Wiesbaden im 20. Jahrhundert

von Maike Wöhler & Christos Mantzios

Digitale Ausstellung

„Man ist nur so lange fremd,

bis man sich kennt“

von Maike Wöhler & Christos Mantzios

Zur Geschichte des Projekts

Es ist die Haltung, die darüber entscheidet, wie wir Migration sehen. Die eigene nationale Sicht macht aus den Menschen, die zuwandern, die ‚Anderen‘. Sie sind zuerst Fremde, die es zu verstehen, eventuell abzuwehren oder gar zu kontrollieren, zu fördern und letztendlich zu integrieren gilt.

(Dimi Mouras)

Ziel der Ausstellung

Geschichte(n) der Migration ist (sind) auf heute übertragbar

Mit dieser Ausstellung wird ein Beitrag zur aktuellen Migrationsarbeit geleistet:

Es soll zugleich ein Erinnern an die noch andauernde Integrationsarbeit und Integrationsleistung der griechischen Migrantinnen und Migranten erfolgen. Die Geschichte der Migration ist oft in ihren Abläufen und Prozessen auf heute übertragbar und damit eine wichtige und unverzichtbare Hilfestellung für zugewanderte Menschen, die diesen oft mühsamen Prozess erst beschreiten müssen.

Erste Griechische „Gastarbeiter*innen“

In den Jahren der (Gast-) Arbeitermigration wanderten zwischen 1955 und 1973 insgesamt 14 Millionen Menschen vorwiegend aus südeuropäischen Staaten auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland ein und 11 Millionen kehrten in dieser Zeit auch wieder in ihre Herkunftsländer zurück.

  • Fortan

    Gesellschaftliche und soziale Teilhabe der 1. Generation und der Folgegenerationen

  • 1960 - heute

    Migration und Remigration

  • 1955 - 1973

    Anwerbephase

Vom Arbeiten

und Ankommen

Seit dem ersten Anwerbeabkommen im Jahr 1955 bis zum Regierungswechsel in Deutschland im Jahr 1998 verstand sich Deutschland nicht als Einwanderungsland – sowohl von Seiten der Politik und somit auch vieler Bürger*innen. Man betrachtete die „Gastarbeiter“ als Zuwanderer auf Zeit.

Arbeiten bei Kalle & Co.

„Ich kann mich noch gut daran erinnern“ Ich war der einzige nicht-deutsche Handwerker im Betrieb. Es waren über 150 Handwerker und ich war der ‚Nicht-Deutsche’. Aber trotzdem: ich wurde gut aufgenommen und hatte eigentlich keine Probleme. (…) Ich war einer der jüngsten Vorarbeiter in der Werkstatt und habe sogar den Meister vertreten, was nicht selbstverständlich war! Für die damalige Zeit war das nicht einfach. Damals musste man besser sein als ein Deutscher!“

Der junge Grieche Athanasi T.

Immerhin 18 Griechen und 185 Italiener trafen im Sommer des Jahres 1960 auf ihre ersten Kalle-Kollegen, den „Kalleanern“. Auch für die Deutschen war das erste Aufeinandertreffen mit den „Neuen“ und „Fremden“ ungewohnt – sie begegneten zum Mal „Nicht-Deutschen“, den ersten „Gastarbeitern“.

Arbeit und Leben

„Wir waren arm und wir kannten nichts anderes, außer das zu machen und dem zu folgen, was gut für uns und unsere Familie war. So wanderten wir aus, um Arbeit zu finden. Das gehörte zu unserem Leben.“

Niko T.


„Wir hatten in Amöneburg in der Dyckerhoffstraße eine Werkswohnung in den 1960ern in den Baracken, für Spanier, Griechen und Portugiesen. Für diese Zeit war es okay dort zu wohnen. Aber, wie soll ich sagen, ich sage nicht, es war asozial, es waren ja auch später Familien dort.

Wir hatten die Küche gemeinsam, das Waschbecken gemeinsam, also, Waschbecken hier und Waschbecken dort – es sah aus wie bei der Bundeswehr in den Baracken. Da mein Vater und ich ein 2-Bett-Zimmer hatten, hatten wir zum Glück eine eigene Toilette. Die Anderen nicht. Damals waren dort anfangs nur Männer, aber mit einem Kind ging das nicht dort zu wohnen. Da war ein Saal mit 6–10 Männern. Gastarbeiter. Aber nicht diese – wie soll ich sagen – dreckigen. Wir haben geguckt, dass wir schnell ausziehen. 9 Monate haben wir da gelebt, alle zusammen, dann sind wir umgezogen in eine 2-Zimmer-Wohnung in Wiesbaden. Nach fünf Jahren kam meine Mutter mit meinen Geschwistern, dann mussten wir uns eine 4-Zimmer-Wohnung suchen. Wir wurden hier unterstützt von Kalle-Albert. Die Häuser waren von der Firma, so wie Sozialwohnungen, aber von der Firma. So war das“.

Konstantin S.

Der lange Weg

„Meine Heimat, ich suche Dich wie ein Verdammter. Wenn ich bei Dir in der Fremde bin, bin ich Grieche. Wenn ich bei Dir bin, bin ich Fremder.“
Auszug eines Liedtextes des griechischen Musikers Stelios Kazantzidis

Es ist der Zwiespalt, die Zerrissenheit, zwischen dem „Hiersein“ (anfangs in der Fremde) und die Erinnerung an die frühe Heimat, denn die je länger der Aufenthalt in Deutschland andauerte, umso mehr wurden die griechischen Arbeitsmigrant*innen, also die ersten “Gastarbeiter“, selber zu „Fremden“ in Griechenland.

„Wir wurden als Deutsch-Griechen“ oder „Deutschländer“ – Germanolos“ verhöhnt, sie hörten es an unserer Sprache, an unserem Verhalten“, dass „wir nicht mehr dazugehörten“.
Dimitrios P.

Heimat steht aber auch für einen kontinuierlichen Prozess der Annäherung – einen Prozess des Kennenlernens in eine neue „Kultur“, Identität und Sprache des Aufnahmelandes. Dieser beständige Prozess umfasst ein sich entwickelndes Zugehörigkeitsgefühl (zur eigenen und zur neuen ‚Kultur’), eine Selbstfindung und -reflexion, aber auch Identitätskrisen samt Selbstanalysen – also eine Gesamtheit vieler sozialer Komponenten.

Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in Wiesbaden, griechische Vereine oder Vereins-ähnliche Strukturen und kooperierende Gruppierungen gaben den neu zuwandernden Menschen sozialen Rückhalt, Orientierung und Identität sowie eine soziale Verstetigung im „Gastland“. Die griechisch-orthodoxe Kirche der Griechen in Deutschland besitzt einen hohen Stellenwert für die Griechen in der Diaspora.

Entwicklung bis jetzt

Viele Menschen aus verschiedenen Ländern halten sich dauerhaft in Deutschland auf – so leben mittlerweile Bürgerinnen und Bürger aus fast 170 Nationen in der hessischen Landeshauptstadt.

Von insgesamt 291.109 Wiesbadener*innen besitzen 113.595 einen Migrationshintergrund – was 39% der Bevölkerung ausmacht.

2.917 Wiesbadener*innen von insgesamt 3.586 Personen (mit griechischem Migrationshintergrund) besitzen noch eine griechische Staatsangehörigkeit.

Laut Schätzung leben circa 4.000 griechisch stämmige Personen in Wiesbaden und Umgebung, also auch Kinder und Kindeskinder, die schon lange eingebürgert sind.

„Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt.“

Die Ausstellung versucht, die Themenkomplexe Migration und Integration durch persönliche Geschichten verstehbar, nachvollziehbar werden zu lassen. Migration erhält ein Gesicht und der Blick auf das „Fremde“ verliert das Beunruhigende:

„Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt. Wenn man die Möglichkeit nicht hat, sich kennenzulernen, wird man immer fremd bleiben und es wird keine Integration geben.“

Christina K., ehemalige Produktionsmitarbeiterin („Gastarbeiterin“) des Werkes Kalle-Albert der Hoechst AG, die dann nach Jahren des Arbeitens in der chemischen Fabrik, sich bei der Stadt bewarb und als Küchenhilfskraft bis zur Rente als städtische Mitarbeiterin arbeitete.