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Unsichtbares wird sichtbar

Copyright Anastasios Karafillis

(von links nach rechts) Maria und Tasso Karafillis und die Kuratorin Maike Wöhler. – Copyright Anastasios Karafillis

Pressetext der aktuellen Ausstellung „Unsichtbares wird sichtbar“ im Stadtmuseum am Markt, Wiesbaden

Abdruck des Artikels, erschienen in der „Frankfurter Rundschau“ am 20. März 2023, mit freundlicher Genehmigung der Autorin Mirjam Ulrich.

Stadtmuseum zeigt Ausstellung über griechischstämmige Gastarbeiterkinder

Von Mirjam Ulrich

 

Die ersten Deutschlehrer von Maria Zia hießen Kermit, Ernie und Bert. Daheim sprachen ihre Eltern nur Griechisch mit ihr, die Familie kam nach Deutschland, als Maria Zia ein Jahr alt war. „Ich habe durch das Fernsehen innerhalb von sechs Monaten Deutsch gelernt, die Sesamstraße hatte etwas Gutes“, sagt die Diplom-Psychologin. Ihre griechischen Wurzeln kommen ihr bei ihrer Arbeit als Psychotherapeutin zu Gute, in ihre Praxis kommen Patienten vieler Nationalitäten. „Sie öffnen sich leichter, weil sie spüren, dass ich sie verstehe.“

Maria Zia gehört zu den griechischstämmigen Gastarbeiterkindern in Wiesbaden, die in der Ausstellung „Unsichtbares wird sichtbar“ im SAM – Stadtmuseum am Markt private Einblicke in ihr Leben geben. „Die befragten Menschen der zweiten Generation sehen sich modern, kosmopolitisch und reflektieren ihre Migrationsgeschichte“, sagt Kuratorin Meike Wöhler vom deutsch-griechischen Forschungsteam. Den Alltag der Befragten hat der Fotokünstler Tom Greiner in schwarz-weiß Bildern festgehalten. In Wiesbaden wurde das Thema bislang in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Laut amtlicher Statistik leben rund 2900 griechische Staatsangehörige in der Landeshauptstadt. Hinzu kommen rund 3600 Menschen mit griechischen Wurzeln, die einen deutschen Pass haben.

Die Ausstellung im Stadtmuseum knüpft an das Vorgängerprojekt „Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt“ der deutsch-griechischen Projektgruppe von Maike Wöhler und Christos Mantzios an. Es befasste sich mit der Arbeitsmigration griechischer Gastarbeiter der ersten Generation in Wiesbaden. Schon als Maike Wöhler zwei Jahre in Biebrich lebte, interessierte sie sich dafür. Dort lernte die gebürtige Mainzerin eine griechische Großfamilie kennen, der Vater erzählte spannende und schöne Geschichten. „Irgendwann musst Du die aufschreiben“, war ihr Gedanke.

Konkret wurde die Idee durch ihre Arbeit in einer Bremer Sozialbehörde mit zugewanderten Fachkräften. Die Kulturwissenschaftlerin nahm ein Jahr unbezahlten Urlaub und finanzierte auch die Forschung in Wiesbaden komplett selbst. Sie schrieb ein Buch über das Projekt, das Stadtarchiv zeigte 2021 die gleichnamige Ausstellung. Sie wurde genau wie das aktuelle Projekt über „Demokratie leben in Wiesbaden“ gefördert.

Der Politikwissenschaftler und freie Autor Anastasios Karafillis ist von der Wichtigkeit des Projekts überzeugt. „Wir Griechen sind in Deutschland ein Positivbeispiel für Integration“, sagt der gebürtige Wiesbadener. Er fände es toll, wenn andere Zuwanderer sie als Blaupause sehen und sich fragen, wie es gelingt. Für ihn, der stolz darauf ist, Grieche zu sein, erfordert Integration ehrlichen gegenseitigen Respekt der jeweils anderen Kultur.

„Man hat als Grieche ein gutes Standing, weil sich viele Deutsche dafür interessieren“, hat Sofia Konaka beobachtet. Als Kind habe es sich erstaunlich angefühlt, innerhalb der Wohnung in Griechenland zu sein und zu leben, aber in Deutschland, sobald sie aus der Haustür trat. Sie ist froh, dass sie wie Maria Zia in der Grundschule die Klasse für griechische Gastarbeiterkinder besuchte. „Dadurch lernte ich, auch griechisch zu schreiben“, sagt die Polstermeisterin und Diplom-Psychologin, deren Eltern großen Wert auf Bildung legten.

Michael Koutsoudakis machte in Biebrich sogar das griechische Abitur und aufgrund der nur 12-jährigen Schulzeit anschließend am Studienkolleg auch das deutsche. Bei Kalle, wo sein Vater arbeitete, absolvierte er eine Ausbildung als Chemikant. Deutsche Freunde zu haben, war für ihn selbstverständlich. Er selbst besitze nur den griechischen Pass, seine beiden Töchter hingegen den deutschen, erzählt Koutsoudakis. „Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, mich zu integrieren“, sagt der 50-Jährige: „Ich bin doch hier geboren.“

 

Die Ausstellung „Unsichtbares wird sichtbar“ ist noch bis Sonntag, 2. April, im SAM –Stadtmuseum am Markt zu sehen und im Internet unter:

griechen-wiesbaden.de/ausstellung/unsichtbares-sichtbar-machen