Annette Majewski, Pfarrerin für Stadtkirchenarbeit, Wiesbaden:

„Die „Gastarbeiterinnen“ haben unser Land mitgeprägt“

 

Treffen mit Annette Majewski in Wiesbaden in Ihrem Räumen der „Schwalbe6“. Ein Treffpunkt mitten in der Wiesbadener Innenstadt, ein Raum der Ruhe und der Besinnung. Hier trafen wir uns, um uns auszutauschen, da ich von der Frauenbeauftragten der Stadt Wiesbaden, Saskia Veit-Prang erfuhr, dass die Pfarrerin eine vielbeachtete Ausstellung über die Wiesbadener „Gastarbeiterinnen“ und deren Geschichte(n) umsetzte. Die engagierte Pfarrerin berichtete von ihrem Migrations-Projekt „Heimat in der Fremde“ – Gastarbeiterinnen und ihre Geschichte“, das sie im Jahr 2003 erfolgreich realisierte. Unterstützt wurde sie unter anderem von einer multi-ethnischen Arbeitsgruppe von Frauen aus über 10 Herkunftsländern.

Auftakt für die Ausstellung zum Thema Migration war 2002 eine Wiesbadener Veranstaltungsreihe der „Migrantinnen in Deutschland – Wie alles angefangen hat“ – mit Förderung durch das Kulturamt Wiesbaden, dem Hessischen Sozialministerium und der Veranstalterin der evangelischen Pfarrerin für Frauenarbeit.

Die Notwendigkeit, sich intensiver mit dem Thema der Migration und dem „Arbeiten und Leben in der Fremde“ zu befassen, wurde erkannt, da nach dem Migrationsreport Hessen aus dem Jahr 2002 das Sprachvermögen, der Bildungsstand und damit auch die beruflichen Perspektiven von Kindern auch aus der 3. Generation von MIgrantenfamilien sich verschlechtert hatten. Unter der Koordination der damaligen Frauenpfarrerin, Annette Majewski, gründete sich eine Vorbereitungsgruppe von Frauen mit Migrationshintergrund, die Interviewteams bildeten und Arbeitsmigrantinnen unter anderem aus der Türkei, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Marokko sowie deren Familien, Töchter und auch Frauengruppen nach einem halb-standardisierten Fragebogen zum Thema Einwanderung befragten. Interessant war, so Majewski, dass die befragten Frauen, aber auch die Frauen aus der Interviewgruppe, aufgrund der Befragungen, eine Reflektion auf ihren Integrationsprozess, eine Rückschau, „Bilanzierung“ und einen „Perspektivwechsel“ erlebten – auf beiden Seiten.

2003 konnte dann die viel beachtete Ausstellung „Heimat in der Fremde“ unter anderem auch im Wiesbadener Rathaus vor einem breiten Publikum präsentiert werden. Die biographischen Interviews konnte man dann in der sehr lesenswerten Begleitpublikation der Ausstellung „Heimat in der Fremde“ nachlesen.

Das Thema  „Heimat in der Fremde“ ist immer noch aktuell – vielleicht aktueller denn je:

„Wir möchten mit unserer Dokumentation zeigen, welche große Bereicherung für ein Land in der Einwanderung liegen kann, wenn sie mit genügend Aufmerksamkeit begleitet wird. (…) Gleichzeitig können wir erfahren, wie die „Gastarbeiterinnen“ unser Land mitgeprägt haben (…). Wir hoffen, dass wir mit unserer Dokumentation zum lebendigen Austausch anregen und der Schatz unserer kulturellen Vielfalt sichtbar wird“.

„Heimat in der Fremde“(2003). Gastarbeiterinnen und ihre Geschichte in Wiesbaden, Ausstellungspublikation, S. 11. Evangelische Pfarrerin für Frauenarbeit (Hg.), Wiesbaden.

„Wir lebten in einer Art „Parallelgesellschaft“

Der Wiesbadener Christos Mantzios ist ein Kind der 2. Generation ehemaliger griechischer „Gastarbeiter“. Seine Eltern kamen aus Griechenland, aus der Region Epirus, in den 60ern, um in Deutschland Geld zu verdienen. Ihr Plan war, spätestens nach fünf Jahren wieder nach Griechenland, in die geliebte Heimat, zurückzukehren.

Laut Mantzios geschah so von Seiten der Elterngeneration die Integration nur sehr eingeschränkt. Deutschland wurde nicht als „neue Heimat“ angesehen, da die 1. Generation sich nur kurzfristig in Deutschland aufhalten und sich nicht langfristig niederlassen wollte, da der Wegzug immer im Hinterkopf präsent war. Als dann die Familie gegründet wurde, verlagerte sich dieser Lebensplan und so wurden aus den anfangs fünf Jahren über 50 Jahre in der Fremde. Seine Eltern sind aus der Diaspora nie nach Griechenland zurückgekehrt.

Interessant ist, dass sich die Kinder der griechischen Gastarbeiter der 1. Generation sehr gut integriert haben. So gut, dass über 80% dieser Kinder das Abitur machten und davon fast genauso viele ein Studium in Griechenland und Deutschland abschlossen.

Bildung hatte in der griechischen Kultur einen sehr hohen Stellenwert, so Mantzios, man wollte nicht nur das Beste für seine Nachkommen, sondern man versuchte auch, die Vergangenheit (da viele aus ländlichen Gegenden kamen und oft über ein sehr geringes Einkommen verfügten) so positiv zu verändern, dass die Kinder im Wohlstand leben sollten.

Christos Mantzios ist ein Musterbeispiel der migrierten Folge-Generation. Nach der zweitsprachigen, griechisch-deutschen Grundschule in Wiesbaden-Biebrich ging er auf das Gymnasium und das Lyzeum und absolvierte erfolgreich sein Abitur.

Da er schon in der Schule und in der Freizeit als Klassen- und Schulsprecher und Interessenvertreter für seine Mitschüler aktiv war, merkte er, dass sein Herz auch für Politik und die gesellschaftlichen Zusammenhänge schlug. Folgerichtig begann er mit dem Studium der Politikwissenschaften, Jura und Soziologie in Mainz und engagierte sich in der Politik. Er ist der Mitbegründer des Beratungsnetzwerkes „chrisma“ und berät unter anderem Politiker, Parteien, Entscheidungsträger, Organisationen und Wohlfahrtsverbände zu den Themen: Politische Entscheidungsprozesse, Public Affairs/Lobbying, IT, M&A Strategien und Pläne, Strategisches Management von Entscheidungsprozessen, Kommunikative Sondersituationen, Change- und Transformationsprozesse sowie Regulierungsfragen.

Mantzios besitzt die deutsche und die griechische Staatsangehörigkeit.

Der Schüler Christos Mantzios in der griechischen Grundschule, Goetheschule Wiesbaden-Biebrich, 3. Klasse im Jahr 1975

Der Schüler Christos Mantzios in der griechischen Grundschule, Goetheschule Wiesbaden-Biebrich, 3. Klasse im Jahr 1975

Wie sah das Leben in Deutschland für Dich als Kind griechischer Einwanderer aus?

Ich ging auf die zweisprachigen griechisch-deutschen Schulen in Wiesbaden-Biebrich, also die Goethe- oder die Pestalozzi-Schule. Wie meine Familie, bewegte ich mich anfangs in griechischen Kreisen, in Vereinen und der griechisch-orthodoxen Kirche. Meine Familie lebte allerdings nicht wie die überwiegende Mehrheit der Griechen in Wiesbaden-Biebrich oder Wiesbaden-Schierstein, damals Hochburgen der griechischen „Community“, sondern in der Innenstadt. Diese Tatsache bescherte mir die Möglichkeit auch einige deutsche Freunde zu haben, einen deutschen Kindergarten zu besuchen und die Erfahrung auch einer anderen Kultur, nämlich der deutschen, zu machen. Trotzdem muss ich gestehen dass meine Familie damals in einer Art „Parallelgesellschaft“ lebte, mit dem Wunsch nach einer ethno-kulturellen bzw. kulturell-religiösen Homogenität und einer formal freiwilligen Segregation. In den späten 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lebten, nach meiner Einschätzung, bestimmt so ca. 90% der „Wiesbadener“ Griechen in einer Art „Parallelgesellschaft“.

Erlebtest Du Dich mit Deiner griechisch gelebten Kultur in der Schulzeit als „anders“?

Nein, ich hatte keinerlei Probleme, obwohl ich griechisch und griechisch-orthodox erzogen wurde. Ich sah allerdings auch nicht typisch griechisch aus. Oft, wenn ich meine Eltern zum Dolmetschen bei Ärzten oder Ämtern begleitete oder auch für griechische Mitschüler (in der Grundschulzeit sprachen einige gebrochen Deutsch) in der Freizeit übersetzte, wurde ich oft von Deutschen gefragt, warum ich als Deutscher denn so gut Griechisch könne. Als ich sie dann aufklärte, waren sie immer ganz erstaunt. Nein, ich fühlte mich nicht anders. Obwohl mich mein griechischer Name immer als „anders“ definieren wird – bis heute.

Hast Du Diskriminierungen erfahren müssen?

Bis zum 12. Lebensjahr hatte ich keine Vorurteile erlebt. Bis ich dann ein erstes Erlebnis mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus machte: ich saß mit meinen griechischen Mitschülern in einem Wiesbadener Bus und wir unterhielten uns auf Griechisch. Plötzlich drehten sich drei männliche deutsche Fahrgäste um, die uns deutlich daraufhin hinwiesen, Deutsch zu sprechen. Ich erwiderte, dass diese Kinder nicht gut Deutsch reden könnten. Wir verständigten wir uns in unserer Sprache einfach weiter und ignorierten sie. Daraufhin wurden wir als „Scheiß-Kanaken“ beschimpft und da spürte ich zum ersten Mal Wut…

In der Regel habe ich aber solche Beschimpfungen und Vorurteile „sportlich“ abgetan. Auch beim Sport und auf dem Sportplatz beim Fußballspielen gab sich manchmal ein Wort das andere und oftmals wurden meine nicht deutsch aussehenden Mitspieler mit ausländerfeindlichen Sprüchen beschimpft.

Es gab dann noch in der Studentenzeit während meines Studiums ein weiteres Erlebnis an der Uni. Als ich als Einziger die beste Arbeit zum Thema „Moderne politische Theorie“ schrieb und die Note 1 bekam, wurde ich von einer Kommilitonin beiseite genommen. Unmissverständlich machte sie mir klar, dass sie es nicht nachvollziehen könne, wie ich als „Ausländer“ die beste Arbeit schreiben könne. Meine Antwort wird sie bestimmt ein Leben lang nicht vergessen…

Trotz allem kann ich heute mit über 50 Jahren rückblickend sagen, dass ich in meiner beruflichen Laufbahn und im persönlichen Leben wenig Ausländerfeindlichkeit erlebt habe.

Wie war die Reaktion der Eltern, als sie von diesen Benachteiligungen erfuhren?

Ich solle nicht „aufmupfen“, wir seien ja nur „Gäste“ in Deutschland, ich solle ruhig bleiben und bloß nicht negativ auffallen.

Heimat – ein einfaches Wort voller Bedeutung

Der familiäre Alltag in der Diaspora?

Es bestand ein festes Regelwerk der Elterngeneration, an dem es nicht zu rütteln galt. Der soziale Druck war sehr hoch. Wir sollten uns nicht mit deutschen Mädchen einlassen, denn es könnte ja passieren, dass wir durch diese Beziehungen eventuell in Deutschland blieben, das war ja nicht gewollt. Es hieß: wenn mein Kind einen „Ausländer“ oder eine „Ausländerin“ heiratet, kehrt es nicht nach Griechenland zurück. Auch erste Freundschaften zu Griechinnen waren eigentlich unmöglich für uns männliche Teenager. Unsere Eltern erwarteten, dass wir diese möglichst aus unserem Dorf heiraten. Ansonsten galt, die erste griechische Freundin musste auch geheiratet werden oder vorab sollte wenigstens eine Verlobung erfolgen.

Was bedeutet „Heimat“ für Dich? Wie sieht die „Heimat“ in Deutschland aus?

Heimat ist ein Gefühl, das ich mit Worten nicht exakt beschreiben kann. Heimat – ein einfaches Wort, doch voller Bedeutung. Für mich bedeutet Heimat, dort wo mein Herz ist. Dort wo mich die Menschen verstehen, wo ich mich nicht verstellen muss, wo Leute sind, die ich mag und die mich mögen, da bin ich daheim. Ich fühle mich zuhause, wenn ich ein soziales Netzwerk habe und Freunde, die fast schon zur Familie gehören.

„Ich verstehe mich als Kosmopolit“

Zusammengenommen verstehe ich mich allerdings als Kosmopolit: ich spreche mehrere Sprachen, habe zwei Kulturen in mir und fühle mich heimisch auch mit Menschen anderer Nationalität. Allerdings bricht in bestimmten Situationen das Griechische wieder aus mir heraus, wenn wir z.B. essen gehen, werden beispielsweise alle eingeladen, da kommt die griechische Gastfreundlichkeit wieder deutlich zum Vorschein. Oder manchmal spontan zu agieren und nicht alles planen und absprechen – das ist auch typisch Griechisch. Auch im politischen Denken, wo oft der Faktor Mensch nicht mehr zählt, sondern die Zahlen, da werde ich doch etwas emotional und stelle den Menschen in den Vordergrund.

Wo siehst Du aktuell Deine Heimat? Ist Deutschland zur „Heimat“ geworden?

Als Kind war Griechenland meine Heimat. Nun, nach den vielen Jahren in Deutschland, habe ich zwei Heimatländer: Griechenland und Deutschland, wobei genau genommen Wiesbaden meine Heimat ist. Ja, Wiesbaden ist meine Heimat. Im Gegensatz zu meinen Eltern die noch leben und nicht nach Griechenland zurückgekehrt sind – für beide ist und bleibt Griechenland die Heimat.

Gibt es so etwas wie Fremdsein oder ein Gefühl des Anders-Sein?

Von mir aus nicht, ich fühle mich nicht fremd. Aber, wie bereits schon erwähnt, mein Name ist ja immer noch griechisch. Damit bin ich täglich konfrontiert, dennoch fühle ich mich nicht „ausländisch“, obwohl der Name meine Herkunft belegt.

Gibt es kulturelle Identität? Fühlst Du Dich einer bestimmten Nationalität zugehörig?

Ich glaube, dass die Frage nach einer kulturellen Identität eine äusserst persönliche Angelegenheit ist. Aus meiner Sicht gibt die kulturelle Identität vielen Menschen ein Zuhause. Sie ist eine Zusammenstellung an Merkmalen und Ideen, mit denen sich Menschen und bestimmte Gruppen selbst identifizieren. Sie kann regional, national oder transnational gebildet werden.

Letztlich dient die kulturelle Identität einer gewissen Welt- und Sozialorientierung. Ich bin Grieche und deutscher Staatsbürger. Mittlerweile höre ich aber Kommentare von Deutschen, die mir sagen, dass ich deutscher bin als ein Deutscher, weil ich noch pünktlicher bin als sie und sehr diszipliniert.

Hat sich die griechische Kultur durch das Leben in Deutschland verändert?

Unsere Riten und Festtage wie zum Beispiel Nikolaus, der erst am 31.12. ist oder das Weihnachtsfest, das am 25. und 26. in Griechenland gefeiert wird, vermischen sich mit den deutschen Festterminen. Das heißt dass unser Kind den Nikolaus 2x feiert und das Weihnachtsfest sogar drei Tage erlebt. Unser Kind haben wir zweisprachig erzogen, hierbei ist aber das Griechische nur noch die Zweitsprache, Deutsch steht an erster Stelle.

Rückblickend auf den Migrationsprozess der Eltern, was war positiv, wo gab es Schwierigkeiten?

Positiv waren der Kontakt und das Zusammenleben mit anderen deutschen Familien. Negativ war, dass es keine Verpflichtung gab für die 1. Generation, die deutsche Sprache zu lernen. Außerdem war es nicht förderlich für die Integration, dass meine Eltern jahrelang mit der Vorstellung lebten, wieder in ihre Heimat zurückkehren. So wurden oft falsche Investitionen getätigt, es wurde Kapital nach Griechenland transferiert, anstatt hier zu investieren.

Was würdest Du heute aus Deiner Erfahrung heraus den Deutschlernenden und Arbeitgebern und Behördenmitarbeitern, die mit Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten, empfehlen, damit eine Integration gelingt?

Allen Einwandern würde ich folgenden Ratschlag geben: Vergisst die Heimat, denkt nicht an die Rückkehr, akzeptiert, dass eurer gesellschaftlicher Platz nun in Deutschland ist bzw. wird. Denkt nicht zurück und nicht daran, was euch fehlt. Schaut auf die Möglichkeiten, die es gibt und zu nutzen sind. Die Sprache des Aufnahmelandes lernen, damit sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Beruf erhöhen. Über die Sprache wird man autark, selbstbewusst. An die Arbeitgeber und die Behördenmitarbeiter würde ich folgenden Tipp geben: Neben möglichst passgenauen Maßnahmen für den Zugang zu Ausbildung, Arbeit und Sprachkenntnissen ist die soziale Teilhabe ein Kernbedürfnis der Einwanderer. Sie sollte stärker als bisher im Fokus von Integrationskonzepten stehen.

Auf der Skala von 1 (schlecht) bis 10 (gelungen) – wie fühlst Du Dich integriert?

10!

Und dies ohne Assimilation und ohne vollkommene Aufgabe der eigenen Kultur!

Vielen Dank für das Gespräch!

„Anfangs wurden die „Nicht-Deutschen“ als „Gastarbeiter“ bezeichnet“

Treffen mit Volker Kraushaar im Nachbarschaftshaus Wiesbaden-Biebrich im Juni 2018 für ein Interview und Austausch über seine Arbeit in der Chemischen Industrie und im besonderen über die Zusammenarbeit mit seinen damaligen ausländischen Kolleg*Innen.

Der langjährige Betriebsratsvorsitzende nahm am 1. April 1957 seine Lehre als Physik-Laborant bei der damaligen Kalle AG in Wiesbaden auf, schloss sie erfolgreich ab, um ab dann ab 1960 – 1978 im Labor der dortigen Chemischen Industrie tätig zu sein. Er betätigte sich neben seiner Arbeit im Labor auch gewerkschaftlich, um sich für die Rechte seiner Kolleginnen und Kollegen aktiv einzusetzen. Es folgte eine Freistellung von 1978 – 1988 als stellvertretender BR-Vorsitzender und im Jahr 1988 wurde er Betriebsratsvorsitzender für 10 Jahre bei Kalle-Albert. 1998 ging Kraushaar dann in Ruhestand, um weiterhin auch als Rentner aktiv seinen  „Un-Ruhestand“ zu betreiben. So ist der aktive Wiesbadener in mehreren Gremien ehrenamtlich tätig, unter anderem auch im Vorstand des Nachbarschaftshauses „Mehrgenerationen-Haus“ Wiesbaden-Biebrich.

Austausch im Nachbarschaftshaus Wiesbaden-Biebrich

Austausch im Nachbarschaftshaus Wiesbaden-Biebrich

Die ersten „Gastarbeiter“ treffen in Wiesbaden ein

Volker Kraushaar  berichtet von den gezielten Anwerbeversuchen des Arbeitgebers, da Arbeitskräftemangel in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschte. Es gab sogenannte Anwerbeabkommen, zum Teil auch in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, um gezielt dem Arbeitskräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken.

In diesem Zuge kamen Anfang der 60er Jahre bis Anfang der 70er größtenteils ungelernte Kräfte aus Italien, Griechenland, Portugal, Spanien, Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Die deutschen Kolleginnen und Kollegen trafen im Sommer 1960 auf ihre „ersten Gastarbeiter“, so wurden 185 Italiener und 18 Griechen eingestellt. Der Anteil der „Ausländer am Stammpersonal machte 1960 insgesamt nur 4,8% aus. Dies veränderte sich in den folgenden Jahren erheblich, so Volker Kraushaar. 1973 betrug der Anteil der ausländischen Mitarbeiter (Stammpersonal) schon fast 35%, wohingegen der Anteil de deutschen Mitarbeiter um knapp 28% zurückging (Stand: 1973). Der Anteil der griechischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die vorwiegend in der gewerblichen Produktion wie beispielsweise in Mehrschichten in der Folienverarbeitung, in der Cellophan-Grundverarbeitung sowie im Repro-Bereich eingesetzt waren, machte mit 35,1% die größte Quote aus , dem folgten die Portugiesen mit 34%, die türkischen Mitarbeiter mit 13%, die italienischen Arbeiter mit knapp 7%, die Jugoslawen mit 5,4% und die Spanier mit knapp 3%.

Interessant war, so der ehemalige BR-Vorsitzende, dass die ausländischen Mitarbeiter in der Zusammenarbeit von Seiten des Arbeitgebers als „pflegeleicht“ galten, sie kamen aus wirtschaftlichen Gründen, um dann in der Industrie oft in mehreren Schichten hintereinander „viel Geld zu verdienen“.

Anfangs wurden die „Nicht-Deutschen“ als „Gastarbeiter“ bezeichnet, da man davon ausging, dass sie zeitnah wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Als die Anzahl der ausländischen Mitarbeiter anwuchs, wurde dann ab den 1970er nicht mehr „Gastarbeitern“, sondern konsequent von „Ausländern mit nicht-deutscher Nationalität“ gesprochen , so der Personalstelle der der damaligen KALLE AG.

Der anfangs nicht immer einfache Aufenthalt in der Fremde wurde versucht, angenehm zu gestalten, so gab es  firmeneigene Gemeinschaftsunterkünfte in Biebrich, Mainz-Kastel und Schierstein, um preiswerten Wohnraum für die Neuankömmlinge anzubieten.

Dort lebten zum Teil anfangs in kleinen Zimmer mehrere Nationalitäten, die sich auch die Küche und den Schlafraum teilen mussten. Dies war nicht immer einfach, da die Arbeiter in Mehrschichten arbeiteten, und somit eine Privatsphäre mit Ruhe und Erholung oft nicht möglich war.

Kurze Zeit danach lebten die ausländischen Mitarbeiter schon in werksgeförderten Wohnungen, da sie ihre Familie nachholten und größeren Wohnraum benötigten und die Gemeinschaftsunterkünfte diese Bedarfe nicht mehr abdeckten. Viele – besonders griechische Kollegen – zogen in Wohnungen von Privatvermietern -bevorzugt in Arbeitsnähe, Biebrich, Schierstein, Kastel und Mainz.

Firmeneigenes Ausländerreferat „Abteilung für ausländische Mitarbeiter“- Ansprechpartner für die ausländischen Kolleginnen und Kollegen

Von Seiten des Arbeitgebers wurde speziell  für die Bedarfe von ausländischen Arbeitskräften ein eigenes Ausländerreferat „Abteilung für ausländische Mitarbeiter“- gegründet, in dem jeweils ein Grieche, ein Portugiese und ein türkischer Mitarbeiter von der Arbeit freigestellt wurde, um sich um die indiviellen Belange seiner ausländischen Kolleginnen zu kümmern und als fester Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. So halfen sie ihren Landsleuten bei Amtsgängen, beim Verfassen von Formularen  u.a. Allerdings, so der ehemalige BR-Vorsitzende „wurden die ausländischen Kollegen nie angeleitet, im Sinne von Fördern und Fordern, eigene  Sprachkurse zu besuchen. Sie waren auf die Betreuung der freigestellten Kollegen angewiesen. Die Wichtigkeit der Sprachkurse als Mittel der Integration wurde damals noch nicht erkannt“.

Von Seiten des Arbeitgebers wurden aber weitere Angebote für die ausländischen Kollegen zur Verfügung gestellt, um das Leben und Arbeiten möglichst abwechslungsreich gestalten zu können. So gab es Sozialberater, Dolmetscher von Seiten der amtlichen und kirchlichen Stellen und der ausländischen Communities sowie firmeneigene Sprachkurse, die nach Information von Kraushaar allerdings auf wenig Interesse bei den ausländischen Kollegen stießen. Die Gründe waren hier sicherlich vielschichtig, ein wesentlicher Grund der Nicht-Teilnahme bestand darin, dass die Kollegen nach Schichtende erschöpft waren, Geld verdienen wollten und mussten und sich somit für die Integration über Sprache und für den Spracherwerb der deutschen Sprache keine Zeit nahmen oder nehmen konnten.

Positiv war, betonte der ehemalige BR-Vorsitzende, dass es über die Zusammenarbeit mit den deutschen und nicht-deutschen Kollegen und Kolleginnen – abgekoppelt von firmeneigenen Angeboten – zu einer beidseitigen Annäherung kam, aus der auch langandauernde Freundschaften entstanden, die sich auch in der Freizeit trafen und somit bis heute ein Stück zur aktiven Integration beitragen.