Ihr Vortrag „Vom Weggehen und Ankommen – Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden“ war ein großer Gewinn für die Bildungs- und Erinnerungsarbeit des Wiesbadener Stadtarchivs.

 

Zweierlei hat mich besonders beeindruckt:

  • Die von Ihnen im Rahmen ihrer Forschungsarbeit zusammengetragenen Belege für eine rudimentäre Willkommenskultur, das lebensferne Angebot von wenig genutzten Deutschkursen und andere Fakten, die meine holzschnittartigen Vorstellungen von den Realitäten nach Wirksamwerden des Deutsch-Griechischen Anwerbeabkommens etc. produktiv in Frage gestellt haben.
  • Die von Ihnen in strukturierten Interviews erfassten und auszugsweise zitierten Antworten der Angehörigen der Deutsch-Griechischen Community in Biebrich.

Eine der persönlichen Kernbotschaften hieß sinngemäß:

Andere Lebenswelten und Geschicke mögen sich noch so stark von der eigenen Lebenswelt um dem eigenen Geschick unterscheiden – fremd bleibt nur, was man nicht an sich heranlässt, was man einsortiert und abwehrt, bevor man es kennen gelernt hat.

Diese integrationserfahrene Einsicht halte ich für essentiell.

Einwanderung wurde in Deutschland lange geleugnet und wird in jüngster Zeit von Rechtsnationalisten und Rechtsradikalen mit Angst, Wut und Hass verfolgt – einer Angst, einer Wut, einem Hass, der dort am heftigsten wuchert, wo man „Fremde“ nur als

Abziehbilder eines eigenen völkischen Verfolgungswahns kennt, wo zugewanderte Menschen nur mit dem Fernglas eigener Vorurteile wahrnimmt. Die authentischen Schilderungen des Erlebten sowie persönliche Dokumente zeigen, dass die Beschäftigung mit dem sogenannten »Fremden« immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur ist und somit eine wichtige gesamtgesellschaftliche Chance bietet.

 

Wie Sie sehen, hat Ihr Vortrag bleibende Wirkung entfaltet. Auch einige wichtige Multiplikatoren, die am Vortragsabend im Publikum saßen, haben mir dies bestätigt und auf einen Aspekt Ihres kulturwissenschaftlichen Projekts hingewiesen, der mir zuvor entgangen war:

Wer seine Erinnerung einbüßt, wird orientierungslos.

Aber die Verortung im hier und jetzt kann auch unter einem Festklammern an geronnen Erfahrungen des Gestern leiden und lebt von der Bereitschaft, sich dem neuen Unerwarteten zu stellen.

Konkreter: Die Rückbesinnung auf die ersten Etappen der Zuwanderung liefert zwar kein Patenrezept für die Lösung der anstehenden Integrationsaufgaben, ist aber hilfreich, weil sie Gelungenes ebenso festhält, wie das Wissen um Irrwege, die man nicht ein zweites Mal einschlagen sollte. Das Wissen um erzielte und erzielbare Erfolge, bedeutet für zugewanderte Menschen, die manch mühsamen Weg noch vor sich haben, eine praxisrelevante Ermutigung und einen instruktiven Hinweis.

Auch professionelle Betreuer*innen und Coaches können von solchen Wissenschätzen profitieren.

 

Lassen Sie mich Ihnen abschließend nochmals danken für die in mühevoller ehrenamtlicher Arbeit geleistete Forschung und die Bereitstellung von Ergebnissen, die für das Stadtarchiv Wiesbaden von erheblicher Bedeutung bleiben.

 

VON GEORG HABS

Sprecher der Ausstellungsgruppe und Mitglied des Vorstandes Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V. (AMS) und ehemaliger Leiter der Multimediaabteilung, Stadtarchiv Wiesbaden)