Migrationswissenschaftler sprechen davon, dass sich Zuwanderer ein „kulturelles Programm“ der Aufnahmegesellschaft aneignen, um so innerhalb der (neuen) Gesellschaft und mit diesem „Rüstzeug“ problem- und situationsorientiert zu agieren. Diese Kulturaneignung ist wie ein Programm zu sehen: das tradierte Programm bleibt in Teilen erhalten, wird allerdings im Prozess der Migration mit dem Aneignen und dem Kennenlernen der neuen (Aufnahme-) Kultur modifiziert. Dieses Wissen ist wichtig und elementar, um über dieses soziale Handeln sich auch als Teil der Gesellschaft zu verstehen und dazuzugehören.

Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, ein Teil der Gesellschaft in Wiesbaden – das war der gemeinsame Nenner der befragten griechischen Migrant*innen.

© Athanasios Lambrou von Griechenland Aktuell

 

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VOM ANKOMMEN UND BLEIBEN

Griechische Arbeitsmigration am Beispiel der Olympia-Werke Schortens-Roffhausen – EIN FÖRDER- PROJEKT DER OLDENBURGISCHEN LANDSCHAFT –

Von Maike Wöhler

Seit Anfang 2020 findet in Friesland ein Forschungsprojekt zur griechischen Arbeitsmigration der Olympia-Werke statt. Mit diesem Projekt wird ein wichtiger Teil der Arbeitsmigration im Landkreis Friesland und Umgebung abgebildet und die regionale Arbeits- und Kulturgeschichte am Beispiel der griechischen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten der ehemaligen Olympia-Werke sichtbar gemacht.

Nach dem vorangegangenen erfolgreich abgeschlossenen Projekt „Vom Weggehen und Ankommen – Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden (am Beispiel der Chemischen Werke der Kalle AG)“ entwickelte sich im Zuge der Forschungs- recherchen eine Kooperation zu den ehemaligen Betriebsratsmitgliedern der Olympia-Werke und zu ersten griechischen (Gast-)Arbeitenden.

Der Fokus der Arbeit liegt ethnografisch auf den sogenannten Einwandererfamilien der ersten und zweiten Generation ehemaliger „Olympianer“. Die Erfahrungswerte zum Thema Migration und Integration der griechischen Zuwandererinnen und Zuwanderer sollen erfasst werden.

So erhalten sie die Möglichkeit, ihre Erfahrungen der eigenen jahrzehntelangen Migration zu erzählen und im Rahmen einer späteren Publikation für die Folgegenerationen festzuhalten. Mit den Methoden der „Oral History“, dem „Erzählenlassen“ von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, entwickelt sich ein Forum, das verschiedene Formen der Integration und der Migrationsprozesse einer breiteren Öffentlichkeit anschaulich dokumentiert.

So wird der Frage nachgegangen, was die Parameter der „gelungenen“ Integration waren: Was waren die Hintergründe dafür, dass die eingewanderten Griechinnen und Griechen zu den „Integrationsgewinnern“ in Deutschland und auch im Landkreis Friesland, Schortens und Wilhelmshaven zählten und immer noch zählen.

Griechinnen und Griechen zählen zu den am besten integrierten Nationalitäten in Deutschland. Es ist von gesellschaftlicher Bedeutung, besonders vor dem Hintergrund des Miteinanderlebens vieler Nationalitäten im Landkreis Friesland und der Region um Wilhelmshaven, dass die Menschen, die diesen langen, oft beschwerlichen Weg erst über die Arbeitsmigration, dann über die Immigration bis hin zu einer dauerhaften Niederlassung gegangen sind, nach ihren „Integrations-Erfolgsparametern“ befragt und „gesehen“ werden.

Grenzüberschreitende dynamische Wanderungsbewegungen und die damit verbundene Diversität prägen das urbane Leben und die Stadtentwicklung und tragen zu einer Kosmopolitisierung des Alltags bei. Die„Zuwanderungswellen“ der letzten Jahrzehnte prägten nachhaltig bis heute die Kultur, das Leben und das soziale Land- und Stadtgefüge der Friesländer und Wilhelmshavener Bevölkerung. Die Städte und Landkreise unterliegen neuen Herausforderungen, denn mehr und mehr Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten suchen ihre „neue Heimat“ in Deutschland.

Erschwerte Bedingungen der Integration

Die ausländischen Arbeitskräfte wurden im Rahmen vorangegangener bilateraler Anwerbeabkommen in den 1960er-Jahren für eine vorerst zeitlich befristete Tätigkeit in Deutschland angeworben. Sie waren flexible Arbeitskräfte auf Zeit – die Dauer der Tätigkeit war besonders in den Anfangsjahren strikt an die Aufenthalts- und somit die Arbeitserlaubnis gebunden.

Dass besonders in den Anfangsjahren oft gebangt werden musste, ob die Arbeitsverträge verlängert wurden oder nicht, erschwerte in vielen Fällen den „reibungslosen“ Integrationsprozess der zugewanderten Menschen.

Unter den befristeten Aufenthalten im fernen Deutschland und der Zitterpartie mit den zeitlich befristeten Arbeitsverträgen hatten ganze Familien im Ausland zu leiden. Sie waren auf die regelmäßigen Geldüberweisungen angewiesen, denn in den meisten Fällen war der griechische Auswanderer der Einzige, der das Geld verdiente, da im damaligen Griechenland der 1960er-Jahre eine große Armut – verbunden mit einer hohen Arbeitslosigkeit besonders in den Nordregionen Griechenlands – herrschte.

Bedeutung des Forschungsvorhabens

Mit dem karitativen und selbstorganisierten Forschungsvorhaben soll die Integrationsleistung der ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter abgebildet werden. Nicht nur mit ihrer Ar- beitskraft, sondern auch mit ihrer griechischen Kultur trugen sie zu einer veränderten multi- ethnischen und „bunteren“ Stadtgeschichte und zu einer nachhaltigen Prägung der Region bei.

Solange die Integrationsleistung von Arbeitsmigranten weder wahrgenommen noch anerkannt wird, vollzieht sich der stille Prozess der langsamen Migration allein und gesellschaftlich isoliert. Die Menschen der Aufnahmegesellschaft und die Zugewanderten agieren in dem Prozess der Migration und Integration aktiv miteinander. Beide tragen eine Verantwortung für ein gesellschaftliches Miteinander, das nicht in einem Nebeneinander und in sogenannte „Parallel- gesellschaften“ führen sollte. Nur mit großer Kenntnis vieler Kulturen, deren Identitäten und Kulturpraktiken, mit Selbstverständnis und einem Aufeinander-Zugehen kann Integration gelingen.

Es ist wichtig, für eine Willkommensgesellschaft, die Integrationsleistungen der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter besonders auch der ersten Generation zu würdigen und ihnen unter anderem auch mit diesem Forschungsprojekt und der anschließenden Projektveröffentlichung eine gesellschaftliche Plattform zu geben.

Maike Wöhler ist Kulturwissenschaftlerin, realisierte 2018 und 2019 das Forschungsprojekt „Vom Weggehen und Ankommen – Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden“ und verfasste darüber ein Buch „Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt“. Sie ist außerdem im Bereich der Bildungs-, Migrations- und Sozialberatung tätig.

Gesucht: Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Olympia-Werke können sich

gerne als Gesprächspartner unter der Telefonnummer 0421 – 4840484 melden – auch

historische Dokumente wie Fotos, Unterlagen und Aufzeichnungen werden für eine künftige

Publikation gesucht. Mehr Informationen gibt es auch unter www.maike-woehler.de

kulturland 2.20 | 49

„Ich bin von jedem ein bißchen – ich werde niemals ganz Deutsch sein“

Die Autorin traf sich Ende Oktober 2019 zu einem weiteren Interview mit Dimi Danides, Vertreter der 1. Generation von sogenannten „Gastarbeitern“. Der Grieche Danides migrierte Anfang der 1970er Jahre nach Wilhelmshaven, um dort für die Olympia-Werken zu arbeiten. Er kam anfangs nur als „Gast“ und als Arbeiter und blieb – wurde Familienvater und Bürger der Stadt Wilhelmshaven. Die Geschichte seiner Integration ist nicht nur spannend, sondern auch übertragbar – denn Deutschland ist schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland.

Wann sind Sie nach Deutschland eingewandert?

Ich kam im September 1973. Ich wollte schon früher nach Deutschland, musste aber vorher noch meinen Militärdienst in Griechenland absolvieren.

Was waren Ihre Gründe für den Wegzug von Griechenland nach Deutschland?

Ich suchte Arbeit. Ich hörte von meinem Bruder, der von OLYMPIA-Vertretern in unserem Heimatort Ferres angeworben wurde, dass es Arbeit bei OLYMPIA geben würde. Ich hatte mein Abitur gemacht und dann den verpflichteten Militärdienst in Griechenland, sodass ich meinem Bruder dann in September 1973 nach Wilhelmshaven folgte. Auch der Dolmetscher der Olympia-Werke fuhr in die Nordregionen, um griechische Arbeitskräfte anzuwerben.

Wenn Sie an Ihren 1. Tag denken, was fällt Ihnen ein?

Das kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Ich brauchte Arbeit, nach Abitur und Militärdienst hieß es nur: In Deutschland gibt es Arbeit. Die Familie, der Bruder Christos war ja schon nach Wilhelmshaven gegangen. Ich bin dann sofort bei meinem Bruder in Wilhelmshaven eingezogen, somit war ich nicht alleine in Deutschland. Dort habe ich in der ersten Zeit gewohnt, die Unterkünfte von Olympia in Roffhausen habe ich nicht genutzt. Habe immer in Wilhelmshaven gelebt.

Welche Erwartungen hatten Sie?

Ich hatte keine großen Erwartungen, außer zu arbeiten.

Wie sah Ihr „Ankommen“ aus?

Das ging alles problemlos und schnell, da ja mein Bruder schon vor Ort war und auch in der gleichen Firma arbeitete. Er zeigte und erzählte mir alles. Nach einem Jahr hatte ich dann eine eigene Wohnung.

Wie sah Ihre berufliche Tätigkeit aus – wo wurden Sie bei den Olympia-Werken eingesetzt?

Anfangs als Arbeiter am Bestückungsautomaten, dann in der Stanzerei; es gab keine Weiterbildungen für ausländische Mitarbeiter. Da ich aber gut Deutsch konnte, wurde ich für höherwertige Arbeiten eingesetzt, allerdings bei niedriger Einstufung, da mir die Ausbildung fehlte. Das Gehalt war gut, sodass ich den ganzen Jahren keine Ausbildung abschloss, sondern als Arbeiter tätig war. Die Olympia-Werke waren mein einziger Arbeitgeber in Deutschland – vom ersten Tag, dem 1. September 1973 in Deutschland bis zum Schluss am 31.12.1992 -. Ich hätte auch bis zur Rente dort weiter gearbeitet. Insgesamt habe ich 20 Jahre bis zur Abwicklung 1992 bei Olmpia gearbeitet, dann noch in der Auffanggesellschaft, dann in der Gastronomie bei Verwandten in Wilhelmshaven.

Wie waren die ersten Erfahrungen in und mit der deutschen Arbeitswelt?

Durchweg gut. Es gab in den ganzen Jahren nur postive Erfahrungen.
Meine Frau kam ja nach einem Jahr nach und arbeitete sofort in Wilhelmshaven, zuerst in der KSW – in der Kammgarnspinnerei Wilhelmshaven – und war durchgehend berufstätig bis in die 1990er Jahre.
Olympia war ein sozialer Arbeitgeber: es wurde auch bei den Kindern geholfen. Wir hatten ja keine Familie hier und keine Unterbringung und Betreuung. Ich habe mit mit dem Chef gesprochen, ob ich dauerhaft Spätschicht machen kann und meine Frau Frühschicht. So konnten wir das mit den Kindern machen, obwohl es mittags eine halbe Stunde gab, wo sie alleine waren.

Gab es berufliche Weiterbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten?

Es gab welche, aber nicht für Ungelernte. Ich hatte zwar gute Deutschkenntnisse, die mich befähigten, aber mir fehlte die Ausbildung. Ich verrichtete später höherbezahlte Tätigkeiten, bekam aber nicht das Geld dafür wegen der fehlenden Berufsausbildung. Mein Traum war eigentlich, dass sich TV-Elektroniker werden wollte. Das interessierte mich, auch der Bereich der Elektronik. Ich arbeitete dann in der Stanzerei, am Bestückungsautomat. Mein Meister fragte mich, ob ich eine interne Ausbildung zum „Einrichter“ machen wollte, da habe ich zugesagt. Die Bezahlung änderte sich dennoch nicht.
Dennoch war OLYMPIA ein guter Arbeitgeber -die Bezahlung war gut. Es wurde nach Tarifvertrag bezahlt im Tarif 09 in einer Staffelung vom Faktor 02-04. Faktor 04 war die höchste Stufe für ungelernte Arbeiter.

Wie haben Sie die deutsche Sprache gelernt?

Da es keine Deutschkurse von Seiten des Arbeitgebers gab, kaufte ich mir ein Deutschbuch und lernte innerhalb von drei Monaten die deutsche Sprache. Es gab in den 1970er noch keine Angebote von der VHS, es gab eine private Schule in Wilhelmshaven. Dort mussten sich aber mindestens fünf Personen angemeldet haben, damit der Kurs standfand. Das war nicht der Fall und so lernte ich die deutsche Sprache alleine ohne fremde Hilfe. Kurse gab es erst später von der Volkshochschule. Im September 73 kam ich nach Deutschland und im Dezember konnte ich schon gut sprechen, schreiben und lesen.

Gab es Unterstützungen von Seiten des Arbeitgebers oder Anderen? Wie sahen diese aus?

Nein, es gab keine Unterstützungen. Bei Verständigungsschwierigkeiten auf der Arbeit wurde ein Dolmetscher geholt, der fest angestellt war. Der half dann. Ansonsten musste man sich selber zurechtfinden. Natürlich fragte man zuerst einen Kollegen in der Schicht und versuchte, sich selber zu helfen. Wenn irgendetwas an der Maschine und die Handhabung erklärt wurde, verstanden wir es oft nicht sofort am Anfang. Da es uns peinlich und unangenehm war, nickten wir und taten so, als hätten wir es verstanden. Allerdings hatte der Dolmetscher in Spitzenzeiten bis zu 5.000 Griechen zu betreuen.

Was bedeutet „Heimat“ für Sie?

Heimat ist da, wo meine Familie ist. Sehen Sie, ich wollte immer zurück nach Griechenland. Unsere Kinder und Kindeskinder sind nun mal alle in Deutschland – darum bleiben wir hier. Bei den Kindern.

Was verstehen Sie unter „Identität“?

Beides zu haben, ein wenig von der deutschen Kultur und meine griechische Kultur.
Das Schlimmste war allerdings, dass meine Landsleute mich in Griechenland als „Der Deutsche“ beschimpft haben. Das war wirklich schlimm. Das hat sich jetzt ein wenig beruhigt.

Hat sich Ihre Kultur durch Ihr Leben in Deutschland verändert? (Familie, Alltag, Arbeit und Leben, Religion)?

Ja, ich bin ja nun länger in Deutschland als ich je in Griechenland gelebt habe. Das verändert. Ich bin von jedem ein bißchen – ich werde niemals ganz Deutsch sein.
Das Wichtigste war, dass ich meine Frau Maria nachholte. Wir kannten uns aus Ferres, heirateten dort und dann kam sie ein Jahr später nach Wilhelmshaven.

Was haben Sie von der deutschen Aufnahmekultur übernommen?

Auf jeden Fall die Pünktlichkeit.

Wenn Sie jemanden in Griechenland erklären müssten, wo sie wohnen – was nehmen Sie von dem Ort wahr, wo sie leben? Was ist Ihnen hier in Deutschland wichtig?

Mir ist hier die Ordnung und das Geregelte wichtig, auch die ärztliche Versorgung und die Absicherung.

Wie fühlen Sie integriert in der Skala von 1- 10 (1 = schlecht – 10: „gelungene“ Integration)

7-8 – der Grund: ich werde niemals 100% Deutscher sein. Ich werde immer einiges „Griechisches“ behalten – von daher kann ich nicht andere „deutsche“ Dinge anerkennen und somit auch nicht 100% deutsch sein und werden. Ich habe die griechische Staatsangehörigkeit, bin im Herzen Grieche und irgendwie im Verhalten deutsch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kennenlernen eines griechischen „Gastarbeiters“ der 1. Stunde der früheren Olympia-Werke, Wilhelmshaven

Erfahrungsaustausch in Wilhelmshaven mit dem ehemaligen Betriebsratsmitglied der früheren Olympia-Werke, Werner Ahrens, und seinem langjährigen Kollegen, ein Grieche der „1. Stunde“, Dimitrios Danidis. Ahrens ermöglichte ein Zusammentreffen und Austausch mit dem Arbeitsmigranten Dimitrios, genannt „Dimi“.

Dimi kam 1973 von Griechenland nach Wilhemshaven, um dann fast 20 Jahre lang bis zur für ihn überraschenden Schließung bei den Olympia-Werken zu arbeiten. Dimitrios erlernte die deutsche Sprache erst in Deutschland , benötigte nur einen Winter, um die für ihn völlig neue Sprache zu beherrschen.

Das Leben bestand immer aus viel Arbeit, aber das Leben haben wir dabei nicht vergessen!“ (Dimitrios Danidis)

Dimitrios war zudem viele Jahre Vorstands- und Gründungsmitglied eines griechischen Vereins in Wilhelmshaven, der sich u.a. auch um die Integration von Griechen kümmerte. Inzwischen ist Dimi in Rente, war aber aufgrund der Schließung der Olympia-Werke von Arbeitslosigkeit bedroht und musste noch über 10 Jahre bis zu seiner Pensionierung in einem griechischen Restaurant eines Verwandten mithelfen. „Das Leben bestand immer aus viel Arbeit, aber das Leben haben wir dabei nicht vergessen!“ (Auszug aus dem Interview)